Quo vadis, Gehen?
„Das ist doch kein Sport!“, „Warum laufen die nicht einfach?“ oder „Das schaut einfach komisch aus!“ – kaum eine olympische Disziplin wird mit so vielen Vorurteilen konfrontiert wie das Gehen. Dabei zählt es zu den technisch anspruchsvollsten, forderndsten und zugleich gesündesten Sportarten in der Leichtathletik. Mit der Premiere bei den Sport Austria Finals powered by Österreichische Lotterien (3. Bis 7. Juni 2026) setzt der Gehsport in Österreich einen wichtigen Schritt, um aus der Nische herauszutreten, die Vorurteile zu entkräften und sichtbarer zu werden.
Denn was auf den ersten Blick ungewohnt wirkt, ist in Wahrheit Hochleistung unter strengen Regeln. Während Läufer:innen kurze Flugphasen haben, gilt im Gehen: Ein Fuß muss immer den Boden berühren, gleichzeitig muss das vordere Bein beim Aufsetzen komplett gestreckt sein. Zwei in der Theorie einfache Vorgaben, die von den Athlet:innen volle Konzentration von der ersten bis zur letzten Sekunde erfordern. Wer die Technik nicht sauber durchhält, riskiert Verwarnungen und im Extremfall die Disqualifikation.
Jeder Schritt zählt
„Gehen ist eine von wenigen technischen Ausdauerdisziplinen. Du bist im Kopf extrem gefordert, weil du gleichzeitig auf die Ausführung und das Tempo achten musst. Jeder Schritt zählt, von Anfang bis Ende“, erklärt Theresia Mohr die hochkomplexe Angelegenheit. Den Vorurteilen, oft die etwas markante Hüftbewegung betreffen, entgegnet Österreichs beste Geherin mittlerweile gelassen: „Es schaut nur deshalb komisch aus, weil wir es in Österreich nicht gewohnt sind.“ Was viele zudem nicht wissen: Der Sport gilt bei korrekter Ausführung als sehr gesundheitsfördernd – ein Aspekt, der durch zahlreiche internationale Studien belegt ist.
Während Gehen in zahlreichen europäischen Ländern wie Spanien, Tschechien, Ungarn oder Deutschland weit verbreitet und fest verankert ist, führt es in Österreich noch ein Nischendasein. Eine kleine Szene von rund 30 bis 40 Athlet:innen bildet die Basis, im Nachwuchs und im Freizeitbereich findet der Sport (noch) wenig Beachtung.
Der Verband ist um Veränderung bemüht, wie ÖLV-Gehsportreferentin Gabriele Schwarz verrät: „Es tut sich etwas. Wir versuchen seit zwei, drei Jahren intensiv den Nachwuchs zu fördern, um uns für die sportliche Zukunft optimal aufzustellen.“ Von Wien ausgehend expandiert der Gehsport langsam aber gezielt in die Bundesländer. Schwarz stellt klar: „Wir müssen raus aus der Nische. Und genau daran arbeiten wir gerade intensiv.“
Sport Austria Finals sind „Gold wert“
Der nächste Schritt? Mehr nationale Sichtbarkeit! „Wenn wir Nachwuchs generieren wollen und der Gehsport in Österreich nicht aussterben soll, brauchen wir vor allem eines: mehr Publicity. Wir müssen das Image ändern und die Bekanntheit steigern, genau dafür sind die Sport Austria Finals prädestiniert“, meint Schwarz und fügt hinzu: „Für unseren Sport ist die Teilnahme an den Finals Gold wert.“
Auf der Prater Hauptallee werden am 4. Juni die Staatsmeisterschaften im Halbmarathon (olympisch), im Mixed sowie in der U23 und U18 ermittelt. Die Topfavoriten bei Damen und Herren: Theresia Mohr und Thomas Hollegger. Letzterer startete erst 2024 im Alter von 22 Jahren als Geher durch, feierte seither zahlreiche nationale Erfolge und machte auch international schon auf sich aufmerksam. Bei den Sport Austria Finals will sich der Steirer erstmals zum Staatsmeister krönen, die mittel- und langfristigen Ziele sind noch offen: „Ich möchte mich von Wettkampf zu Wettkampf steigern. Dann ist vieles möglich.“
Auch Mohr, die aufgrund einer Verletzung im jungen Alter nicht laufen konnte und so im Gehen eine neue Passion entdeckt hat, fiebert den Sport Austria Finals bereits entgegen: „So viele Athlet:innen aus verschiedenen Disziplinen an einem Ort, das wird etwas ganz Besonderes, hat ein bisschen etwas von Olympia“, blickt die 19-Jährige voraus. Das „Betriebssystem“ der Finals, viele Sportarten zur selben Zeit am selben Ort, kennt Mohr bereits bestens. Zweimal nahm das heimische Aushängeschild bereits am Europäischen Olympischen Sommer-Jugendfestival teil.
Von den Finals bis auf den Olymp?
Ihr eingeschlagener Weg soll sie über die Finals, wo sie wichtige Punkte für die EM-Qualifikation sammeln möchte, eines Tages bis auf den Olymp führen. „Der Gedanke an Olympia ist präsent. Es ist ein großer Traum für mich, eines Tages bei Olympischen Spielen starten zu können“, verrät Mohr.
Historisch wäre dies allemal. Während Österreich bereits männliche Teilnehmer im olympischen Gehen stellte (zuletzt 1992), wartet Rot-Weiß-Rot noch auf die erste weibliche Teilnehmerin. „Es wäre schon langsam an der Zeit“, schmunzelt Mohr.
Zunächst liegt der Fokus jedoch auf den in naher Zukunft anstehenden Wettkämpfen inklusive der „Staatsmeisterschaften einer ganz besonderen Art“, wie Mohr die Sport Austria Finals bezeichnet. Eines ist garantiert: Das größte Multisport-Event Österreichs eröffnet dem heimischen Gehsport die Chance, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und könnte zum Ausgangspunkt für eine Entwicklung werden, die dem Sport langfristig mehr Sichtbarkeit, Anerkennung und neue Perspektiven bringt.
