Langfristige Idee!

Seit Jänner 2021 ist Thomas Nievergelt Trainer der Floorball-Nationalmannschaft der Frauen in Österreich. Der Schweizer hat in seinen ersten Monaten schon viel bewegt, ist voller Tatendrang, hat zukunftsorientierte Konzepte entwickelt und eine langfristige Idee. Eine Verletzung hat seinen Traum einer Eishockey-Karriere früh einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber jetzt hat der 34-Jährige als Trainer und Sportchef im Floorball seine neue Berufung gefunden. Durch das Engagement von Nievergelt, dem Experten eine große Trainierlaufbahn prophezeien, sind schon einige Schweizer-Augen nach Österreich gerichtet.

Wann sind Sie mit dem Floorball erstmals so richtig in Berührung gekommen? 
Thomas Nievergelt: Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr Eishockey gespielt, mich aber leider am Rücken verletzt und war zu einer längeren Pause gezwungen – das habe ich für mich dann aber so akzeptieren können. Eines Tages hat dann ein Freund angerufen und mir Floorball schmackhaft gemacht. Es hat für mich sehr interessant geklungen, von daher bin ich einmal mit und habe es als sehr coole Sportart kennen gelernt. Daraufhin habe ich drei Jahre selbst gespielt, aber nicht profimäßig. Bei meinem damaligen Verein wurden zu dieser Zeit Trainer gesucht. Ich hatte selbst während meiner Zeit als Sportler viele gute Trainer und Förderer, da wollte ich etwas zurückgeben und habe bei den Kleinsten angefangen. Man kann sagen, dass mir die Verletzung zu meiner zweiten Karriere verholfen hat, auch wenn mein Floorball-Engagement reiner Zufall war und es anders als eigentlich geplant gelaufen ist.

Jetzt sind Sie als Nationaltrainer der Damen und Sportchef in diesem Bereich in Österreich. Wie kam es dazu?
Nievergelt: Ich habe schnell gemerkt, dass mir das alles sehr Spaß macht. Es ist unglaublich berührend, wenn man sieht, wie viel Freude Kinder am Sport haben – das ist ein tolles Gefühl. Aber ich wollte zurück in den Leistungssport und habe begonnen mich weiterzubilden. Die Sportart hat mich komplett gepackt. Irgendwann habe ich auf der Instagram-Seite des Österreichischen Floorball Verbands ein Videogesehen, dass ein neuer Trainer gesucht wird. Das hat mich sofort angesprochen. Ich habe mir selbst gesagt „Thomas, du musst etwas riskieren, wenn du weiterkommen willst“. Daraufhin bin ich mit Gerold (Anm.: Rachlinger, Generalsekretär) in Kontakt getreten. Hier in Österreich soll langfristig etwas entstehen und aufgebaut werden, das und die Leidenschaft, die an den Tag gelegt wird, hat mich überzeugt. Wir wollen in Österreich etwas entwickeln. Es braucht zwar Zeit, aber der Rahmen ist perfekt. Ich identifiziere mich zu 100 Prozent mit dem eingeschlagenen Weg.

Anfang des Jahres ist noch die Tätigkeit des Damen-Sportchefs dazugekommen. Was steht da auf Ihrer Agenda?
Nievergelt: Ich bin mit der Schweizer Mentalität „Es muss funktionieren“ vor etwas mehr als einem Jahr nach Österreich gekommen. Es war nicht ganz einfach, aber ich habe gemerkt, dass die Frauen und die Verantwortlichen im Verband schnell mitgezogen haben. Wir hatten Ende des letzten Jahres ein sehr gutes Gespräch und haben uns dazu verständigt, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, um unsere Strategie anzupassen. Jetzt gilt es ein wichtiges Grundgerüst zu schaffen, damit wir dann die gewünschten Schritte nach vorne kommen. Wir sehen sehr viel Potential bei den jungen Sportlerinnen, das wollen wir nützen, bevor wir diese Chance übersiehen. Der Weg stimmt und die Idee ist klar: Wir wollen langfristig etwas Professionelles auf die Beine stellen und uns der Weltspitze annähern. Eines ist mir in diesem Zusammenhang aber ganz wichtig. Es ist für mich eine große Ehre, dass ich diese beiden Positionen bekleiden darf und ich das volle Vertrauen erhalte.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Bereich Floorball in den letzten Jahren und können Sie abschätzen, wo Ihr Team im internationalen Vergleich steht? 
Nievergelt: In den letzten Jahren, speziell in den letzten 14 Monaten, ist sehr viel an Entwicklungsarbeit passiert. Uns ist bewusst, dass das nicht alles von heute auf morgen funktionieren wird, aber wir geben uns die Zeit. Der wichtige Indikator ist aber, dass wir in jeder Phase einen Fortschritt erkennen. Eine internationale Einschätzung ist schwierig, es gab ja Corona-bedingt in den letzten zwei Jahren kaum Vergleiche. Ich denke, dass wir das Zeug für die Top-15 haben. Aktuell stehen wir zwischen 26 und 28, aber das entspricht nicht dem Leistungsvermögen und dem Potential, das wir in unserer Mannschaft haben.

Wie viele Spielerinnen stehen Ihnen fürs Nationalteam zur Verfügung?
Nievergelt: Aktuell umfasst der Kader in etwa 28 Spielerinnen, wenn man den fortgeschrittenen Nachwuchs dazurechnet, sind wir bei 40-50 Athletinnen. Ich versuche mir alle Spiele unserer Kadermitglieder anzusehen – manche live manche im Nachgang. Darüber hinaus bin ich mit den verschiedenen Vereinsverantwortlichen im intensiven Austausch. Soll heißen, dass ich immer up-to-date bin. Uns ist es wichtig, dass wir für „Nachschub“ sorgen. Wir investieren da sehr viel Zeit und möchten Talente früh finden und erkennen, auch wenn es nicht immer einfach ist. Floorball muss einfach bekannter werden, erst dann kann man sie etwas anstubsen.

Was sind Sie für ein Trainer?Nievergelt: Ich würde mich selbst als Taktikfuchs bezeichnen und bin gerne unberechenbar, der Gegner soll sich nur schwer auf meine Mannschaft einstellen können. Ich arbeite gerne langfristig, will etwas aufbauen und entwickeln. Daher bin ich beim ÖFBV sehr gut aufgehobn.

Schauen wir ein wenig in die Glaskugel. Wohin wird sich Floorball in den nächsten Jahren entwickeln?
Nievergelt: Generell ist ein Blick in die Zukunft nicht immer einfach. Was ich versprechen kann ist, dass wir im Verband alles dafür tun werden, damit wir uns sportlich der Weltspitze annähern und uns regelmäßig für Großveranstaltung qualifizieren. Der Startschuss ist erfolgt, jetzt müssen wir da konsequent dabeibleiben. Aber nicht nur auf dem Spielersektor wollen wir für Entwicklung sorgen, auch bei den Trainern werden wir den nächsten Schritt machen und versuchen, sie gezielt auszubilden – frei nach dem Motto „Heute für morgen“. Das ist unser Auftrag!

In wenigen Wochen beginnt die zweite Auflage der Sport Austria Finals powered by Intersport & Holding Graz. Was ist von der Premiere 2021 hängengeblieben und wie sieht die Erwartungshaltung für 2022 aus? 
Nievergelt: Es sind super Eindrücke geblieben. Der Zusammenhalt der verschiedenen Sportarten war richtig cool. Und man sieht, dass man gemeinsam etwas Großes auf die Beine stellen kann. Ich denke, es wird heuer noch eine Stufe gehoben werden. Zum einen haben wir jetzt alle die Erfahrungswerte vom letzten Jahr, zum anderen werden heuer sicherlich die Zuschauer, die heuer erlaubt sein werden, für gute Atmosphäre bei den Sportstätten sorgen. Bei uns wird sicherlich viel Action geboten. Unsere Intention ist es, dass die teilnehmenden Mannschaften in Top-Besetzung kommen. Wir wollen Floorball von der besten Seite zeigen, das ist unser Credo.

Wir danken sehr herzlich für das Gespräch! 

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