Das Urge(h)stein, das nie stehen bleibt
Kennen Sie Johann Siegele? Vermutlich nicht. Ehrlicherweise ist das auch kein Wunder. Bei den diesjährigen österreichischen Staatsmeisterschaften im Gehen überquerte der Tiroler als Letzter die Ziellinie auf der Wiener Praterallee. Doch hinter diesem vermeintlichen Schlusslicht verbirgt sich eine der außergewöhnlichsten Karrieren, die der österreichische Sport je hervorgebracht hat.
Vor 46 Jahren nahm der heute 77-jährige Siegele an den Olympischen Spielen in Moskau teil, erreichte Platz 22. Doch dem nicht genug: Vier Jahre zuvor war er Teil des Biathlon-Teams bei den Heim-Winterspielen in Innsbruck. “Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, werde ich ein wenig wehmütig. Das war die Blüte meines Lebens”, erklärt Pionier Siegele. “Ich bin bis heute der einzige Österreicher, der in Ausdauersportarten an Sommer- und Winterspielen teilgenommen hat.”
Vor Hunderttausenden
In Erinnerungen schwelgt der Altmeister gerne. Besonders die Spiele von Moskau sind ihm bis heute lebhaft im Gedächtnis geblieben. „Bei unserem Bewerb waren über hunderttausend Zuschauer entlang der Strecke. Das kannst du dir heute gar nicht mehr vorstellen. Ich bin im Mittelfeld ins Ziel gekommen und wurde gefeiert wie ein Volksheld.”
Ganz so frenetisch wurde Siegele im Prater dann nicht empfangen, dennoch jubelten dem Urge(h)stein bei der Zielankunft nach knapp drei Stunden Höchstleistung dutzende Fans zu. Jene Momente seien einer der Antriebe, warum er dem Sport immer noch verbunden ist. “Ich werde gehen, bis ich eben nicht mehr gehen kann”, scherzte Siegele.
Keine Ruhe in Sicht
Auch abseits des Sports kennt der Tiroler keinen Ruhestand. Bis heute arbeitet er in Teilzeit als Masseur und hilft vor allem älteren Menschen bei Beschwerden. “Es ist mir extrem wichtig, meine Erfahrungen und mein Wissen vom langjährigen Berufsleben weiterzugeben.”
Und wie lange möchte er sportlich noch weitermachen? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Ich werde solange gehen, bis ich eben nicht mehr gehen kann. Heute bin ich froh, dass ich das noch kann.“
