So viel Finesse steckt im Tischfußball-Sport
Wie sonst wahrscheinlich nur die Darts-Spieler:innen kämpfen die Tischfußball-Asse mit Vorurteilen und Klischees im Hinblick auf ihre Sportart. “Wuzzeln”, “Kickern” oder “Balankan” sei ein Freizeitspiel, das nur (von Betrunkenen) in Bars und Gasthäusern gespielt werde, Tore mit der mittleren Stange würden nicht zählen, jene mit dem Torwart dafür doppelt. “Nichts davon stimmt”, räumt Wolfgang Breuer eine Woche vor den Tischfußball-Staatsmeisterschaften im Rahmen der Sport Austria Finals powered by Österreichische Lotterien mit diversen Mythen auf. Der ehemalige Weltmeister und aktuelle TFBÖ-Generalsekretär empfiehlt: “Einmal einem Profi über die Schulter geschaut, dann sind alle Klischees schnell widerlegt.”
Der größte Unterschied zwischen dem Hobby-“Wuzzler” aus dem Beisl ums Eck’ und den besten Tischfußballer:innen der Welt? Kontrolle!
1. Kontrolle: Die Basis
“In der Kneipe wird so gut wie mit jeder Ballberührung gleich ein Torschuss abgegeben. Die Profis kontrollieren den Ball nicht nur besser mit der Spielfigur, sie passen ihn auch gezielt zwischen den Stangen hin und her”, erklärt Breuer, dass Tore in einem Profi-Match Produkte von Technik und Taktik sind und nicht des Zufalls. Der 34-jährige Burgenländer macht darüber hinaus neun weitere offensichtliche und weniger offensichtliche Unterschiede zwischen Wirtshaus- und Wettkampfniveau aus.
2. Regelwerk: Bloß nicht “durchdrehen”
Die oberste Devise im organisierten Tischfußball-Sport lautet: Durchdrehen verboten! Während im Lokal oftmals ordentlich gekurbelt wird, um den Schüssen noch ein wenig Extra-Energie mitzugeben, ist das den Profis durch das (inter-)nationale Regelwerk verboten. Die Techniken von Breuer & Co. heißen stattdessen Pull-, Pin- oder Snake-Shot. Tore mit der sogenannten “Fünferreihe” werden natürlich gewertet, die Torhüter jubeln auf Top-Niveau selten (aber sicher nicht doppelt). Zu gut sind die Verteidigungsqualitäten der Gegner:innen. Gewonnen hat in der Regel, wer drei von fünf Sätzen gewinnt. Ein Satz geht bis fünf Tore.
3. Griffbänder: Vor dem Match unbedingt wickeln
Apropos Tennis: Ob man es mit ambitionierten Freizeitspieler:innen oder trainierten Profis zu tun hat, erkennt man lange bevor der erste Ball angespielt ist. Denn ähnlich wie Aryna Sabalenka oder Carlos Alcaraz “wickeln” auch die Tischfußball-Asse bunte Overgrips über ihre Griffe. “Tischfußball ist ein Präzisionsspiel. Schweißnasse Hände wirken sich negativ auf die Kontrolle aus”, erklärt Breuer. Die verwendeten Griffbänder unterscheiden sich unter anderem im Hinblick auf ihre Stärke und den Grip und werden von den Herstellern speziell für den Tischfußball-Sport gefertigt.
4. Stangen: Laufen wie geschmiert
Damit es während eines Matches – zumindest mechanisch – zu keinen “Reibereien” kommt, werden die Stangen der Turniertische (aber auch jene der Trainingstische) regelmäßig und gut geölt. Rapsöl oder Sonnenblumenöl kommen dabei nicht zum Einsatz – auch die Flaschen mit nativem Olivenöl bleiben eher beim Turnierbuffet. “Wir verwenden hundertprozentiges Silikonöl mit hoher Viskosität. Dadurch bleibt das Öl auch garantiert auf der Stange”, so Breuer. Und das ist auch gut so, denn das Reinigen der Spielfläche ist grundsätzlich nur mit Stoff- bzw. Mikrofasertüchern und Wasser erlaubt.
5. Tische: Die “Big-Five”
Tischhersteller gibt es wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. In den meisten heimischen Bars steht ein “Wuzzler” des italienischen Herstellers Garlando. Wer das robuste, schwere “Ungetüm” mit seiner schnellen, glatten Oberfläche beherrscht, wird aber beispielsweise bei einer “Wirtshaus-Tour-de-France” eher kein Match gewinnen. Denn in Frankreich gibt es so gut wie überall nur Bonzini-Spielgeräte – und auf ihrem “Heimtisch” sind die Franzosen kaum zu biegen. In Nordamerika ist – so makaber es klingen mag – der Tornado das Objekt der Tischfußball-Begierde, Italienerinnen und Spanier spielen noch auf den Tischen der Marke Roberto Sport. Die deutschen Nachbarn sind hingegen mit dem Leonhart “auf du und du”. Die fünf genannten Hersteller liefern die fünf offiziellen Turniertische für die größten internationalen Competitions. Spannend wird’s vor allem bei den Weltmeisterschaften, wo die Kontrahenten jeweils einen “Heimtisch” wählen müssen. Nach jedem Satz wird gewechselt, im Entscheidungssatz sogar nach jedem ungeraden Ball.
6. Bälle: Rund ist nicht gleich rund
Weil sich alle Tische in ihren Beschaffenheiten stark unterscheiden, braucht es auch eine ganze Reihe von Bällen. So kompliziert ist dann aber doch nicht. “Grundsätzlich gibt es für jeden Tisch einen spezifischen Ball, der vom Tischhersteller festgelegt wird und – in Kooperation mit den Top-Spieler:innen – auch immer wieder verändert wird”, sagt Breuer. Die wichtigsten Balleigenschaften? Griffigkeit, Geschwindigkeit und Rundheit. Die Lebensdauer eines Balles auf Profi-Ebene ist kürzer als die eines Fußballs aus Leder. “Ist ein Ball abgespielt oder kaputt, wird er ausgewechselt. Das kann theoretisch schon nach einem intensiven Spiel der Fall sein.”
7. Timing: Geschwindigkeit und Zögern
Wie schnell der Ball über die Spielfläche zischt, liegt aber dann doch eher an den Qualitäten des Spielers beziehungsweise der Spielerin an den Stangen. Wobei die Geschwindigkeit eines Schusses eigentlich nicht entscheidend ist. “Alle schießen schneller, als ihre Gegner reagieren können”, unterstreicht Breuer. “Wenn wir von Geschwindigkeit reden, meinen wir eher Ansatzlosigkeit.” Es gehe ums Timing. Darum, schnell zu reagieren oder mögliche Reaktionen der gegnerischen Abwehr zu antizipieren. Übrigens: Ein Ballbesitz in der Dreier-Sturmreihe ist mit 15 Sekunden begrenzt. “Zeitschinden” bedeutet also Ballverlust, (taktisches) Zögern hingegen kann ein Mittel zum Sieg sein.
8. Matchplan: Adaptive Schablone
Die Weltelite des Tischfußballs kennt einander in- und auswendig. Einerseits deshalb, weil so gut wie alle Top-Events der International Table Soccer Federation (ITSF) gestreamt werden. Andererseits auch, weil sich die Stars regelmäßig auf den größten Bühnen gegenüberstehen. “Es gibt keine Geheimnisse”, weiß auch Breuer, der mit Österreich 2022 Team-Weltmeister war und mehrere Staatsmeistertitel auf seiner Vita hat. Umso wichtiger sei es, sich für jedes Match einen Plan zurechtzulegen und die Formkurven der Konkurrenz zu beobachten. “Matchpläne sind enorm wichtig. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie adaptiv sind, denn die besten Spielerinnen und Spieler ändern ihre Taktik und Herangehensweise immer wieder.”
9. Mentale Stärke: Entscheidung im Kopf
Mentaltraining ist im Sport längst nicht mehr verpönt. Auch im Tischfußball entscheidet der Kopf über Erfolg und Misserfolg. Deshalb trainieren die Stars auch ihren Geist, oder wie Breuer es ausdrückt: “Alle, die bei großen Turnieren am Tisch stehen, sind technisch und spielerisch gut genug, um zu gewinnen. Die Medaillen und Preisgelder sichern sich die, die einen kühlen Kopf bewahren, und in Drucksituationen abliefern.”
10. Ausdauer: Erfolgreich ist, wer fit ist
Wer gegen Tischfußball als Sport argumentiert, bringt oftmals vor, dass sich die Spieler:innen nicht bewegen müssen. Das mag grundsätzlich stimmen, aber warum gibt es dann kaum Top-Stars die übergewichtig oder unfit sind? “An einem durchschnittlichen Turniertag reiht sich ein Spiel an der nächste. Ein einzelnes Match kann dabei bis zu 70 Minuten dauern, die längsten Pausen, die du hast, sind Time-Outs von 90 Sekunden. Wenn du da nicht fit bist, hast du schon verloren”, verdeutlicht Breuer, dass körperliches Training abseits des Tisches essenziell ist. “Ein Turniertag dauert von der Qualifikation bis zum Finale gut und gerne zehn bis zwölf Stunden. Ohne Fitness geht dir die Puste aus. Ohne Fitness keine Medaillen.”
Die erfolgreichsten Tischfußballer:innen sind zweifelsfrei absolute “Dauerbrenner”. Das gilt auch für den TFBÖ in Bezug auf die Sport Austria Finals. Zum bereits vierten Mal trägt der seit Herbst 2022 als assoziiertes Mitglied anerkannte Verband seine Staatsmeisterschaften nunmehr im Rahmen von Österreichs größter Multi-Sportveranstaltung aus.
Von Donnerstag bis Sonntag (4. bis 6. Juni) bietet die Sport Arena Wien den besten heimischen Tischfußball-Athlet:innen eine würdige Kulisse. Mit dabei sind alle Top-Stars der Szene, darunter unter anderem die Mehrfach-Weltmeister Marina Tabakovic (Steiermark) und Stefan Burmetler (Niederösterreich) – der 19-Jährige kürte sich 2025 in Saragossa zum jüngsten Titelträger aller Zeiten.
