Para-Badminton gewinnt an Sichtbarkeit
Als Samstagabend die Medaillengewinner:innen der Para-Badminton-Staatsmeisterschaften auf die große Bühne am Wiener Rathausplatz gebeten wurden, war es wieder einer dieser Momente, die man nicht in Ergebnistabellen festhalten kann.
Applaus des Publikums brandete auf, Athlet:innen aus anderen Sportarten jubelten mit. Es war genau jene öffentliche Wertschätzung, von der die österreichische Para-Badminton-Community lange nur träumen konnte.
Zum zweiten Mal waren die Para-Badminton-Staatsmeisterschaften Teil der Sport Austria Finals powered by Österreichische Lotterien. Und erneut zeigte sich, warum dieses Format für eine kleine, aber wachsende Sportart so wertvoll ist.
Sichtbarkeit die wirkt
„Diese Aufmerksamkeit würden wir sonst so sicher nie bekommen“, sagt ÖBV-Generalsekretärin Tina Riedl. „Mit den Videos, den Fotos, den Medienberichten und den Siegerehrungen auf der großen Bühne bekommen unsere Athlet:innen genau jene Sichtbarkeit, die sie verdienen.“
Diese Wirkung gehe weit über die Öffentlichkeit hinaus.
„Sichtbarkeit wirkt nach außen und nach innen“, betont Riedl. Die positiven Erfahrungen aus Innsbruck hätten sich innerhalb der Community rasch herumgesprochen. Viele hätten heuer gerade deshalb den Schritt gewagt, selbst an den Start zu gehen. „Nach der Siegerehrung im Vorjahr haben viele sofort gesagt: Das machen wir nächstes Jahr wieder. Es hat allen unglaublich getaugt und motiviert.“
Sport Austria Finals als Motor
Dabei ist die Entwicklung des Para-Badmintons in Österreich noch jung. Nach Jahren mit wenigen Aktiven und einer langen Corona-Unterbrechung wurden die Staatsmeisterschaften erst 2025 bei den Sport Austria Finals powered by Österreichische Lotterien in Innsbruck wiederbelebt. Ein bewusster Schritt.
„Wir wollten die Meisterschaften nicht irgendwo im stillen Kämmerlein austragen, sondern dort, wo die Athlet:innen Aufmerksamkeit bekommen“, sagt Riedl.
Dass dieser Weg funktioniert, war in der Sporthalle Mollardgasse spürbar.
Elf Athleten und eine Athletin kämpften um Medaillen. Erstmals wurde neben der Rollstuhlklasse auch eine stehende Klasse ausgetragen. Doch mindestens ebenso wichtig wie die sportlichen Ergebnisse war das Miteinander.
Gelebte Inklusion
Nationalkaderspieler des Österreichischen Badminton Verbandes unterstützten als Linienrichter, Schiedsrichter und Zähler den Ablauf der Bewerbe. Einer von ihnen war Nationalteamspieler Leon Seiwald.
Für den angehenden Lehrer war es mehr als ein gewöhnlicher Funktionseinsatz.
„Inklusion ist im Studium ein großes Thema. Hier konnte ich das in der Praxis erleben“, erzählt Seiwald. Besonders beeindruckt zeigte er sich von den Leistungen der Athlet:innen auf dem Parkett.
„Bei den Rollstuhlfahrern fasziniert mich, wie schnell sie sind und wie weit sie sich mit dem Oberkörper hineinbeugen können. Und bei den stehenden Spielern sieht man Herausforderungen, über die man als Nicht-Betroffener gar nicht nachdenkt. Das bewundere ich schon sehr.“
Für Riedl liegt genau darin ein weiterer Wert der Veranstaltung. „Viele kommen zuerst mit Berührungsängsten. Hinterher sagen sie: Wow, was leisten die eigentlich. Das ist etwas, das man nur versteht, wenn man es erlebt.“
Geschichten, die bewegen
Auch Para-Badminton-Nationaltrainerin Britta Rudolf erlebt diesen Effekt immer wieder.
Die Grazerin begleitet die Sportart seit ihren Anfängen in Österreich. Für sie steht vor allem der Mensch im Mittelpunkt. „Hinter jedem Spieler steckt eine Geschichte“, sagt Rudolf. „Viele mussten nach einem Unfall ihr Leben völlig neu ordnen. Wenn man dann sieht, mit welchem Enthusiasmus sie trainieren und spielen, dann ist das etwas ganz Besonderes.“
Die Gemeinschaft innerhalb der Szene beschreibt sie als außergewöhnlich. „Da geht es viel um Begegnung, um Freundschaften und darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Das merkt man in der Halle sofort.“
Training, das wirkt
Ein Paradebeispiel dafür sind Johann „Hans“ Faerrer und Daniel Kontsch. Die beiden zählen mittlerweile zur erweiterten Weltspitze im Para-Badminton-Doppel. Gemeinsam gewannen sie in Wien zunächst den Doppelbewerb, ehe sie sich im Finale der Rollstuhlklasse gegenüberstanden.
Faerrer verteidigte dabei seinen Staatsmeistertitel mit 21:15 und 21:18.
Dass die beiden im Endspiel aufeinandertrafen, war für Kontsch kein Widerspruch, sondern beinahe die logische Folge gemeinsamer Trainingsarbeit.
„Man sieht einfach, dass das Training bei uns beiden wirkt“, sagte der Vizestaatsmeister nach dem Finale. „Ich freue mich, dass ich mithalten konnte und dass ich es ihm nicht zu leicht gemacht habe.“
Besonders stolz sei er auf seine Entwicklung im vergangenen Jahr.
„Im Vergleich zum Vorjahr habe ich wirklich deutliche Schritte nach vorne gemacht. Das sieht man jetzt auch auf dem Platz.“
EM-Medaille als Ziel
Faerrer wiederum genießt jede Minute, die ihm der Sport nach seinem Motorradunfall ermöglicht. Der 58-Jährige sitzt erst seit drei Jahren im Rollstuhl und hat sich in erstaunlicher Geschwindigkeit an die nationale Spitze gespielt.
„Ich bin überglücklich“, sagte er nach seiner erfolgreichen Titelverteidigung. „Entweder der Dani oder ich, einer von uns zwei soll es machen, dann ist die Welt in Ordnung.“
Für ihn bedeutet der Sport weit mehr als Medaillen. „Man kann sich in die Ecke setzen und weinen oder sagen: Auf und durch. Das war immer meine Devise.“
Gemeinsam wollen Faerrer und Kontsch den nächsten Schritt machen. Das große Ziel heißt Europa-Spitze. „Wenn ich nächstes Jahr bei der EM eine Medaille hole, wäre das ein Traum!“, sagt Faerrer. Was Nationaltrainerin Rudolf für durchaus realistisch hält: „Eine Europameisterschafts-Medaille wäre für unser Team ein riesiges aber durchaus erreichbares Ziel. Paralympics sind ein enorm hoher Berg. Aber träumen darf man natürlich.“
