Premiere mit Klick und großer Bühne
Die Kugeln rollen lautlos über das blau bezogene Spielfeld, die Augen der Spieler folgen jeder Bewegung mit höchster Konzentration. Nur das Klick vom Queue beim Stoß und das Klackern der Bälle, wenn sie einander berühren ist zu hören und der eine oder andere Stoßseufzer der Spieler:innen. Sonst ist es ruhig in der Hackengasse 21 in Wien-Fünfhaus. Und doch ist an diesem Wochenende vieles anders als sonst.
Zum ersten Mal ist Karambol-Billard Teil der Sport Austria Finals powered by Österreichische Lotterien. Eine Staatsmeisterschafts-Premiere mit Klick, weil Österreichs traditionsreichste Billard-Disziplin die Chance nützt, sich einem neuen Publikum zu präsentieren.
„Wir sind natürlich sehr froh und dankbar, dass wir das ausnützen können, nachdem die Sport Austria Finals jetzt erstmals in Wien sind, da Teil sein zu dürfen“, sagt Andreas Felser, Präsident der Österreichischen Billardunion, elffacher Staatsmeister und selbst einer der Titelanwärter beim Team-Biathlon.
Komplexes Spielgerät
Dass die Premiere überhaupt möglich ist, hat auch mit den besonderen Anforderungen des Sports zu tun. Der Matchtisch, auf dem an diesem Wochenende gespielt wird, wiegt zwischen 1,2 und 1,4 Tonnen. Die Spielfläche misst exakt 2,84 Meter mal 1,42 Meter. Ein Transport zu externen Veranstaltungsorten ist aufwendig und teuer.
„Die vier oder sechs tonnenschweren Tische, die wir brauchen, irgendwohin zu karren und dort eine Woche stehen zu lassen, bis sich alles gesetzt hat und exakt in der Waage ist, wäre finanziell und zeitmäßig kaum darstellbar“, erklärt Felser.
Umso passender erscheint die Austragung am Sitz des größten Karambol-Klubs der Wiener Billard Assoziation (WBA). Rund 120 Mitglieder zählt der Verein in der Hackengasse, insgesamt umfasst die österreichische Karambol-Community etwa 1.200 Aktive. Gemeinsam mit Pool und Snooker sind es österreichweit rund 3.000 Billardsportlerinnen und Billardsportler.
Genau darum gehe es bei den Sport Austria Finals. Sichtbarkeit schaffen. Aufmerksamkeit erzeugen. Menschen neugierig machen. Denn Karambol gehört zwar zu den ältesten Billardformen überhaupt, ist in der öffentlichen Wahrnehmung aber oft kaum präsent. „Früher hat es eigentlich kein Kaffeehaus gegeben, in dem nicht zwei, drei oder vier Karambol-Tische gestanden sind“, erzählt Felser. „Heute sind wir immer mehr in die Clublokale zurückgedrängt worden.“
Die Gründe seien vor allem wirtschaftlicher Natur. Während sich an Pool-Tischen oft ganze Gruppen versammeln, ist Karambol ein stiller Konzentrationssport.
„Mit Pool verdienst du Geld, mit Karambol verdienst du kein Geld. Beim Karambol sitzt jemand zwei oder drei Stunden konzentriert am Tisch. Das rechnet sich für viele Lokale einfach nicht.“
Drei Bälle, unzählige Möglichkeiten
Wer zum ersten Mal einen Karambol-Tisch sieht, wundert sich meist über das Offensichtliche: Es gibt keine Löcher.Gespielt wird lediglich mit drei Bällen. Einem weißen, einem gelben und einem roten. Alle müssen einen exakten Durchmesser von 61,5 Millimetern haben und zwischen 205 und 220 Gramm wiegen. Der Gewichtsunterschied zwischen den einzelnen Bällen darf dabei maximal zwei Gramm betragen.
Die Spieler verwenden Queues von rund 1,40 Metern Länge, je nach Körpergröße auch länger, deren Gewicht je nach persönlicher Vorliebe zwischen 450 und 670 Gramm variiert.
Das Ziel ist einfach erklärt, die Umsetzung allerdings höchst anspruchsvoll: Mit dem eigenen Spielball müssen die beiden anderen Kugeln getroffen werden. Winkel, Geschwindigkeit, Effet und taktisches Denken entscheiden dabei über Erfolg oder Misserfolg.
„Eine Viertelkappe zu weit rechts und der Ball läuft auf drei Meter plötzlich 20 Zentimeter anders“, beschreibt Felser die Präzision, die auf höchstem Niveau gefragt ist.
Der Kampf um den Staatsmeistertitel
Im Mittelpunkt des Wochenendes steht der Team-Biathlon, eine Besonderheit innerhalb des österreichischen Karambol-Sports. Andreas Kronlachner, Presse- und Medienkoordinator der Österreichischen Billard Union (ÖBU), erklärt das Format: „Es sind zwei Disziplinen, die gespielt werden. Zuerst Dreiband, anschließend Fünf-Kegel-Billard. Deshalb nennen wir es Team-Biathlon.“
Jeweils ein Dreiband- und ein Kegelspieler bilden ein Team. Insgesamt zwölf Mannschaften kämpfen um den Staatsmeistertitel. Zwei Teams kommen aus der Steiermark, die übrigen aus Wien.
Gespielt wird zunächst in vier Dreiergruppen im Round-Robin-System. Jeder trifft einmal auf jeden. Die beiden besten Teams jeder Gruppe qualifizieren sich für die K.o.-Phase.
Am Sonntag folgen ab 11 Uhr die Viertelfinali. Die Halbfinalspiele beginnen um 13:30 Uhr, ehe um 16 Uhr das Finale den neuen Staatsmeister kürt. Zu den Favoriten zählen Titelverteidiger Karl Makik und Thomas Haselsteiner ebenso wie die Paarung Andreas Efler und Andreas Felser.
„Wir sehen hier mehrere Staatsmeister, Landesmeister sowie Teilnehmer von Europa- und Weltmeisterschaften“, sagt Kronlachner.
Moderne Technik für eine traditionsreiche Sportart
Dass Karambol bei den Sport Austria Finals professionell präsentiert wird, zeigt sich auch hinter den Kulissen. Kronlachner gilt seit Jahren als treibende Kraft bei Livestreams und technischer Weiterentwicklung im österreichischen Karambol-Sport. Für die Sport Austria Finals werden gleich zwei Tische live übertragen.
Der Haupttisch wird dabei von vier Kameras erfasst. Eine davon arbeitet mit einem automatisierten Spieler- und Ballverfolgungssystem. Ergänzt wird die Übertragung durch spezielle Ball-Tracking-Grafiken, die den Zuschauerinnen und Zuschauern komplexe Laufwege und Spielsituationen sichtbar machen. So wird ein Sport, dessen Feinheiten oft erst auf den zweiten Blick erkennbar sind, auch für Neulinge leichter verständlich.
Mehr als nur ein Turnier
Während auf den Tischen um Punkte und Titel gekämpft wird, geht es für die österreichische Karambol-Szene um noch etwas anderes. Es geht um Aufmerksamkeit. Um Anerkennung. Um die Möglichkeit, Menschen zu zeigen, dass Billard weit mehr ist als Pool oder Snooker. „Wir merken die Medienpräsenz und das ist für uns ganz, ganz toll“, sagt Felser. „Die haben wir über die letzten Jahre verloren.“ An diesem Wochenende aber steht Karambol mitten im Rampenlicht der österreichischen Sportwelt.
Und vielleicht bleibt bei den Besucherinnen und Besuchern am Ende genau jener Eindruck zurück, den sich die Billard-Community erhofft: Dass ein Tisch ohne Löcher mindestens genauso faszinierend sein kann wie einer mit sechs.
